Es muss wohl ein unbeschreibliches Gefühl gewesen sein für den deutschen Altertumsforscher Heinrich Schliemann, als er 1876 in Mykene auf die 5 Königsgräber aus dem 16. Jahrhundert stiess – die ältesten unberaubten Königsgräber im Ägäisraum! 19 Skelette und bedeutende Kunstwerke aus purem Gold (14 kg Gesamtgewicht) kamen zum Vorschein, unter anderem die goldene Totenmaske des Agamemnon, mit Blattgold bedeckte Gewänder, Schmuck, Waffen, Gefässe. Die meisten der Funde aus Mykene sind heute im Nationalmuseum in Athen zu bewundern.
Schon Homer erwähnte Mykene als „goldreiches und golddurchblinktes Mykene“. Nach Mykene wurde eine der drei grossen Epochen der antiken griechischen Geschichte benannt: die mykenische Zeit. Blütezeit dieser Hochkultur war zwischen 144 und 1200 v. Chr. (andere Quellen sagen zwischen 1650 und 1100). In Mykene lebten berühmte Persönlichkeiten der Antike wie die mächtigen Könige Agamemnon, Atreus und Orest, und die berühmten Frauen Elektra und Klytemnästra. Über Jahrhunderte war Mykene der Mittelpunkt der griechischen Welt, Inbegriff der Macht, der Herrschaft und der Pracht der mykenischen Hofhaltung. Eroberungszüge der Burgherren vergrösserten den Reichtum und die Ansammlung von Kostbarkeiten, Gold, Edelsteine – alles wurde angehäuft. Um 1100 v. Chr. fiel Mykene in Schutt und Asche und musste seine Rechte an Argos abtreten. In den Dichtungen Homers, den Tragödien von Sophokles und Äschylos, bis hin zu Goethes Iphigenie aber wurden die heroischen Gestalten dieser Zeit lebendig gehalten.
In Mykene erschein alles übergross und mächtig, es muss einst eine gewaltige Burgenkultur gehabt haben. In sagenhafter Lage auf einem kahlen Hügel erhebt sich die Burg von Mykene. Mannshohe Felsblöcke bilden zyklopische Ringmauern, fugenlos sind sie zusammengefügt, seit 3500 Jahren stehen sie da und wirken trutzig und abweisend. Der Zugang zur Akropolis führt vom Eingang zum berühmten Löwentor, das aus der Zeit um 1250 v. Chr. stammt. Es besteht aus tonnenschweren Steinblöcken. Über dem oberen Querblock befindet sich das „Entlastungsdreieck“, eine Steinplatte, die verhindert, dass das ganze Gewicht der Mauer auf dem oberen Torblock lastet. Dieses Dreieck stellt ein Relief dar und gehört zu den bedeutendsten Kunstdenkmälern der mykenischen Zeit. Auf dem Relief zu sehen sind zwei Löwen (die Köpfe fehlen zwar) und eine Säule, die auf einem Altar steht. Man vermutet, dass diese Darstellung dem Besucher der Burg die Macht der Könige demonstrieren sollte. Hinter dem Löwentor erstreckt sich das Ruinengelände der Akropolis. Hier liegt rechts der Gräberkreis, den Schliemann entdeckte. Auf der Kuppe des Burghügels findet man Spuren des königlichen Palastes. Vom Thronsaal aus, dem Zentrum des Palastes, geniesst man einen schönen Blick auf die Region Argolis. Ferner sind unter anderem Reste des Südeinganges, der grossen Treppe, eines Brunnen, eines Tempels, Fundamente von Kammern und Gemächern des Palastes und des Palasthofes zu erkennen. Ausserhalb der Mauern der Akropolis und unterhalb des Löwentors liegt die Nekropole von Mykene mit den Kuppelgräbern der Klytemnästra aus der Zeit um 1200 v. Chr. und des Aigistos (ca. 1500 v. Chr.). 500 m weiter erreicht man über eine 36 m lange Rampe das berühmteste mykenische Kuppelgrab, das Schatzhaus des Atreus. Es stammt aus dem frühen 13. Jh. v. Chr., ist 13,5 m hoch und mit einem Durchmesser von 14,5 m. Das Innere gleicht einem „Bienenkorb“. Denn zur damaligen Zeit konnte man noch keine echte Wölbung bauen. Um die Wölbung vorzutäuschen benutzte man Mauerringe, die nach oben zu immer enger werden und die jeweils den unteren Ring um einige Zentimeter überragen. Die eigentliche Grabkammer lag im kleinen Nebenraum, wurde aber schon im Altertum geplündert.
Neben den gigantischen Burgmauern fühlt man sich in Mykene klein und unwichtig, auch in Anbetracht der grossen Persönlichkeiten, die hier einmal herrschten und Ruhm und Reichtum anhäuften. 3500 Jahre alte Steinblöcke – noch immer stehen sie hier! Schon eindrücklich, auf den Spuren der Antike zu wandeln!