Das Bild dieses aussergewöhlichen Klosters habe ich vor 20 Jahren im Film „Le grand Bleu – Im Rausch der Tiefe“ von Luc Besson mit Jean Reno gesehen. Es erschien im Hintergrund einer Szene, wo die Kinder im Meer tauchten. Ich war fasziniert von diesem schneeweissen Kloster, das sich an die steile, rötliche Felswand krallte – wusste aber nicht, wie das Kloster hiess noch wo es sich befand. Monate später war ich in Athen, um Griechisch zu lernen. Ich drehte an einem Ständer mit Postkarten, als mir wieder diese Bild mit dem weissen Kloster an der rötlichen Steilwand klebend ins Auge stach. Postkarte rasch umgedreht, und da stand es: Insel Amorgos, Kloster Chozoviotissa. Logisch, mein nächstes Reiseziel war Amorgos. Zusammen mit einer Freundin, die mich in Athen besuchte, brachen wir auf. Eine lange Schifffahrt ab Piräus und schon Saisonende, es war kühl und windig. Auch unsere einfache Unterkunft in Katapola war kalt, mit klammer Bettwäsche, aber das konnte meine Begeisterung nicht schmälern. Mit dem Bus fuhren wir gleich am nächsten Tag nach Ankunft ins wunderschöne Chora, das in reinster schneeweisser Kykladenarchitektur erstrahlt. Von dort ging es zu Fuss auf einem Treppenpfad auf der anderen Seite Richtung Meer hinunter. Gehzeit wohl so um die 20-30 Minuten, kann mich nicht mehr so genau erinnern. Genau weiss ich aber noch, dass man zuerst auf dem Pfad unterhalb der Felsmauer absolut nichts von Kloster zu sehen bekommt. Erst kurz vor dem Eingang zum Klosterareal öffnet sich der Blick und endlich taucht das mächtige schneeweisse Kloster an der Felswand auf. Ungeduldig stiegen wir die letzten Stufen hinauf, um uns durch den niedrigen Eingang zu zwängen (dieser war so niedrig als besserer Schutz vor Piraten). Die Mönche boten uns Loukoumia an (süsse, dick in Puderzucker gehüllte Geleewürfel) und Ouzo an. Meine Freundin mochte keinen Ouzo und ich getraute mich aus Höflichkeit nicht, den Ouzo stehen zu lassen. Mit 2 Ouzo intus (damals war ich noch nicht so „abgehärtet“) schwankte ich dann die steile tunnelförmige Treppe wieder hinunter. Zum Glück war es so schmal, dass man sich an den Seiten stützen konnte. Auch die Aussichtsterrasse ist mir in Erinnerung geblieben, ich habe dort Fotos von weissen Mauern gemacht, die mir auch heute noch sehr gut gefallen. Der Besuch dieses Wehrklosters war ein spezielles Erlebnis. Jahre später war ich wieder auf Amorgos, und wieder stattete ich dem Kloster einen Besuch ab – es ist immer eindrücklich. Ein besonderer, fast etwas mystischer Ort.
Einige Fakten: Gegründet wurde das Kloster vermutlich Anfang des 9. Jh. Zur Gründungsgeschichte gibt es zwei Legenden. Die eine sagt, Mönche des Klosters Chozeva in Palästina mussten fliehen, kamen auf ihrer Irrfahrt hier in Amorgos an, wo sie die rötliche steile Felswand an ihre Heimat erinnerte. Sodass sie hier ihre neuen Zellen errichteten. Sie hatten eine Ikone der Muttergottes dabei, die ihnen die richtige Stelle im Fels zeigte, wo sie bauen sollten. Die Ikone ist noch heute in der Klosterkirche aufbewahrt.
Eine andere Legende sagt, dass eine Frau in Palästina die Ikone in ein Boot gelegt hatte, um sie vor den Bilderstürmern zu retten. Das Boot wurde hier an der Felswand angeschwemmt. Ein geheimnisvoller Nagel in der Felswand zeigte den Gläubigen die richtige Stelle, wo sie eine Kirche zu Ehren der Ikone erbauen sollten. Piraten zerstörten die Kirche, aber im 11. Jh. wurde ein Kloster errichtet und immer wieder verstärkt und zu einer Festung ausgebaut. Trotz Piratenüberfällen wurde es nie aufgegeben und kam zu beträchtlichem Reichtum und galt einst mit seinen Ländereien als eines der reichsten Klöster Griechenlands. Einst lebten um die 100 Mönche hier, später um die 30 (einige davon wanderten ab zu den Athos-Klöstern), jetzt ist es noch eine Handvoll.
Das Kloster ist ein typisches Wehrkloster, mit meterdicken Mauern und zwei mächtigen Stützpfeilern. Schneeweiss hebt es sich von der rötlichen, überhängenden Steilwand ab. Die Fenster- und Türöffnungen sind klein gehalten, damit es sich besser verteidigen liess. Man sagt, es gibt ca. 65 Räume im Kloster, aber nur wenig ist zu besichtigen. In einem Raum sind kirchliche Gewänder und Utensilien ausgestellt. Am höchsten Punkt der Anlage steht die kleine Kirche. Hier ist die heilige Ikone der Jungfrau Chozoviotissa zu sehen, mit Silberblech überzogen und von vielen Votivtafeln umgeben. Man sagt, die Ikone kann Wunder vollbringen, von Krankheiten heilen und Regen bringen. Weitere Ikonen sind ebenfalls mit Gold oder Silber überzogen. Unbedingt muss man die Aussichtsterrasse aufsuchen, wo man einen herrlichen Blick über das Meer und die Steilküste hat.
Für einen Besuch auf angemessene Kleidung achten. Öffnungszeiten normalerweise morgens bis ca. 13 Uhr und abends von ca. 17-19 Uhr (Stand vor einigen Jahren). Ab Chora fährt ein Bus zur Bucht von Agia Anna. Etwas oberhalb der Bucht ist die Haltestelle für das Kloster. Oder sonst gibt es den schönen Treppenweg ab Chora.
Unbedingt auch einen Abstecher zur Agia Anna –Bucht machen. In den Felsen liegt hier idyllisch ein schneeweisses Kirchlein am Meer. Hier wurden Szenen zum Film „Le grand Bleu“ gedreht.
Das Spannende am Klosterbesuch ist unter anderem die Erwartung. Man ist gespannt, endlich das Kloster zu sehen. Aber erst kurz davor, wenn man um eine Ecke auf dem Pfad biegt, dann endlich erblickt man es in voller Grösse. Ein aussergewöhnlicher Ort mit einem aussergewöhnlichen Klosterbau.